Teilnehmen – so geht's!

„Bildung ist die größte Chance für benachteiligte Kinder“

Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich der ehemalige Polizeidirektor Rainer Becker für benachteiligte Kinder. Nun leitet er die Deutsche Kinderhilfe e.V., die sich für die Rechte von Kindern und deren bessere gesellschaftliche Teilhabe stark macht. Vom kostenlosen Schwimmkurs bis zur Ferienfreizeit – Becker erklärt im Interview, wie wichtig solche Angebote für die Entwicklung junger Menschen sind.

Herr Becker, Ihr Verein engagiert sich besonders für Kinder aus prekären Verhältnissen. Haben wir im Sozialstaat Deutschland überhaupt „arme Familien“?

Armut heißt weniger, dass Kinder in unserem Land Hunger leiden müssen, vielmehr haben wir in unserem so zivilisierten Land junge Menschen, die an Teilhabe-Armut leiden. Ihre Eltern beziehen zum Beispiel Hartz-IV, müssen ihr Gehalt aufstocken lassen oder haben große Schulden.

Kinderhilfe
Armut darf nicht mit Verwahrlosung gleichgesetzt werden!
Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe e.V. und Polizeidirektor a. D.

Was verstehen Sie unter Teilhabe-Armut?

Es bedeutet, dass Kinder von bestimmten Freizeitaktivitäten und Bildungsangeboten ausgeschlossen sind: Sie können nicht ohne Weiteres ein Musikinstrument erlernen oder jede Sportart betreiben, die sie interessiert. Und sie erhalten nicht so eine Förderung für bessere schulische Leistungen wie Schüler aus finanziell abgesicherten Haushalten. Dabei ist Bildung die größte Chance für benachteiligte Kinder.

Wie erleben Kinder aus einkommensschwachen Familien den Alltag?

Solche Kinder müssen ganz anders rechnen als Gleichaltrige, die regelmäßig und ausreichend Taschengeld bekommen. Sie können nicht einfach mal mit ihren Freunden ins Schwimmbad oder ins Kino gehen. Nicht selten versuchen sie, ihre Armut zu verschleiern: Sie nehmen deshalb an bestimmten Aktivitäten ihrer Freunde gar nicht erst teil und isolieren sich.

Eine Freizeit mit Gleichaltrigen heißt für diese Kinder: Dazugehören und wertgeschätzt werden, neue Erfahrungen machen und andere Perspektiven gewinnen.
Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe e.V. und Polizeidirektor a. D.

Der Begriff „Hartz-IV“ wird oft mit Verwahrlosung gleichgesetzt, warum?

Armut darf nicht mit Verwahrlosung gleichgesetzt werden! Aber mangelnde gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigt tatsächlich die Entwicklung der Kinder: Weil man sich in benachteiligten Haushalten nicht so gesund ernähren kann, weil man an Bekleidung und Körperpflegeprodukten sparen muss und weil man den Kindern nicht so viele sportliche Aktivitäten oder Musikstunden ermöglichen kann. Und so vieles mehr, was strukturierte Tagesabläufe und die Entwicklung fördert.

Kinder aus einkommensschwachen Familien können oft nicht einfach mal mit ihren Freunden ins Schwimmbad oder ins Kino gehen.

Es gibt für so etwas doch offizielle Förderungen, reichen die nicht aus?

Zum einen werden staatliche Hilfen wie die aus dem so genannten Bildungs- und Teilhabepaket wegen mancher bürokratischer Hürden nicht von allen Berechtigten genutzt, zum anderen gehen sie oft nicht weit genug. Förderunterricht sollte zum Beispiel nicht nur bezahlt werden, wenn die Versetzung akut gefährdet ist; die Mittel sollten Schülern aus einkommensschwachen Familien den Weg zu besseren Abschlüssen ebnen. Ich würde mir generell einen einfachen Zugang zu solchen Leistungen wünschen, denn sie kommen direkt den Kindern und ihrer Zukunft zugute.

Die Deutsche Fernsehlotterie ermöglicht Kindern aus einkommensschwachen Familien unbürokratisch eine Ferienfreizeit. Inwiefern kann so eine Kinderreise gut für sie sein?

Urlaube sind eine Möglichkeit, sich selbst und die gewohnte Umgebung einmal mit Abstand reflektieren zu können. Eine Freizeit mit Gleichaltrigen heißt für diese Kinder: Dazugehören und wertgeschätzt werden, neue Erfahrungen machen und andere Perspektiven gewinnen. Daher sind solche Reisen sehr wichtig für die Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl der Kinder.

Was kann unsere Gesellschaft tun, damit es Kindern auch im Alltag besser geht?

Wir müssen zum Beispiel gute Ganztagsschulen fördern, wo allen Kindern am Nachmittag ein abwechslungsreiches und attraktives Programm geboten wird. So holen wir sie von den Fernsehern zuhause und von der Straße weg.

Info

Wie kann die Polizei noch mehr für den Kinderschutz tun und im Bereich häuslicher Gewalt präventive Arbeit leisten? Das fragte sich der ehemalige Polizeidirektor und Fachbereichsleiter an der Fachhochschule Güstrow, Rainer Becker, nachdem im Jahr 2007 einige besonders dramatische Fälle von Kindesmisshandlung die Gesellschaft aufgerüttelt hatten. Seine Eigeninitiative ermöglichte eine Kinderschutzhotline in Mecklenburg-Vorpommern, die bis heute viele Kinder gerettet hat. Inzwischen leitet Becker den unabhängig finanzierten Verein Deutsche Kinderhilfe e. V. und engagiert sich im Bündnis gegen Kinderarmut. Vor allem ein gerechter Zugang zu Bildung ist für ihn der Schlüssel zu einer besseren Zukunft für alle jungen Menschen.

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